Warum fahren wir eigentlich kein Motorboot?

Eine Glosse über das Leben am Steg – aus der Sicht eines Seglers.

Text: Christian 

Seit einigen Tagen liegen wir in einer Marina auf Ibiza. Wir erledigen ein paar Dinge an Bord und warten auf guten Wind für die Überfahrt nach Mallorca. Zeit also, den Blick schweifen zu lassen, über den Steg, die Boote und ihre Besitzer.

Zu unserer Linken liegt ein älteres Segel- Schulschiff. Darauf: ein bärtiger, sonnengegerbter spanischer Seebär. Er werkelt ruhig vor sich hin, schleift, streicht, repariert. Ein klassisches Holzboot habe er zu Hause, erzählt er. Damit sei er schon von der Nordsee über die Biskaya bis nach Kroatien gesegelt. Ruhe suche er dabei und finde sie auch. Schliesslich gebe es nur ein Leben.

Schräg vis-à-vis ein anderes Segelboot. Perfekt gepflegtes Teakdeck, kein Kunststoff weit und breit. Zwei langhaarige Männer schleifen und lackieren seit Tagen. Kein Stress, kein Lärm, nur konzentrierte Handarbeit, Schritt für Schritt.

Auch wir werkeln vor uns hin: Tiefenmesser tauschen, Beschläge fetten, Metall polieren. Dazwischen Spaziergänge an der Küste oder ein Abstecher zum Hippiemarkt in Las Dalias.

Und dann sind da die anderen.

Die rasenden Sofalandschaften

Direkt nebenan glänzen sie: hochpolierte Motorjachten. 30 bis 40 Fuss pure Präsenz, vorne ein Steuerstand, dahinter… Sofas und Liegebetten. Und ganz zuhinterst zwei oder drei 500-PS-Aussenbordmotoren, ebenfalls hochglanzpoliert.

Wozu das Ganze? Wir beobachten.

Das Nachbarboot liefert Anschauungsunterricht. Am Morgen erscheint eine Dame, vermutlich Reinigung, vielleicht „Boots-Wartin“. Sie bringt einen Früchtekorb, arrangiert Gläser, richtet alles her wie in einer Hotelsuite. Nach 45 Minuten ist sie wieder weg.

Eine Stunde später kommt der Eigner. Elegant gekleidet, prüfender Blick, kurzer Motortest. Zufrieden.

Nochmals eine Stunde später: Showtime. Zwei Paare, Eignerpaar und Besucher, erscheinen geschniegelt wie für eine Cocktailparty. Die Männer springen lässig an Bord, eine Gangway wäre ja auch zu profan. Bei den Damen wird es… sportlicher, der Abstand zum Steg ist zu gross.

Der Besucher zieht an einer Heck-Mooringleine, will das Boot zum Steg verholen, doch es bewegt sich nur wenig. Der Eigner-Capitän weist an, doch zuerst die Leine am Bug zu lösen. Gute Idee, die Bugleine wird kurzerhand fallen gelassen. Doch plötzlich kommt Hektik auf: Das Heck treibt ungebremst Richtung Steg. Fender? Fehlanzeige, die würden ja die elegante Linie des Bootes stören. Also schnell den Vorwärtsgang einkuppeln. Gleichzeitig werden Heckleinen und Landstromkabel in letzter Sekunde auf den Steg geworfen. Der Seebär von nebenan fängt alles auf und schüttelt nur den Kopf.

Dann fahren sie los. Stilvoll. Langsam. Vermutlich in die nächste Bucht zum Aperitif.

Ich frage mich kurz, was passiert, wenn der Kapitän den Gashebel wirklich nach vorne schiebt. Vor allem mit den Frisuren der Damen….

Die andere Fraktion

Ich sehe noch eine andere Spezies solcher Boote hier am Steg. Mit nacktem Oberkörper, sonnenverbranntem Bierbauch und begleitet von lauter Musik laufen sie aus der Marina aus. Später kommen sie, mit einem Haufen leerer Bierflaschen, wieder zurück.

Man muss sich das einmal plastisch vorstellen: Mit 1000 PS auf einem schwimmenden Sonnenbett hinaus in eine Ankerbucht brettern, dort die Umgebung mit Gegröle und Musik beschallen und anschliessend wieder zurückfahren. Ich möchte auch nicht wissen, wie sich das anfühlt, hinten auf einem solchen „Sonnenbett“ zu liegen, während mit Vollgas beschleunigt wird. Sitzgelegenheiten gibt es oft keine, und so etwas Banales wie Haltegriffe oder einen Süllrand sucht man vergebens.

Ganz nebenbei verbrennt man dabei schnell einmal 200 bis 300 Liter Benzin an einem Nachmittag. Wir fahren auf unserem Segelboot mit 200 Litern Diesel rund 65 Stunden unter Motor.

Jedem das Seine

Immerhin: Diese Boote schaffen Arbeitsplätze. Marineros putzen, polieren und warten, damit der grosse Auftritt reibungslos gelingt. Auch eine Art von Ökosystem.

Wir aber bleiben definitiv bei unserem Segelboot.

Unser Fazit

Wir wollen reisen. Ankommen. Orte entdecken. Und vor allem: Ruhe finden.

Stress hatten wir im Berufsalltag genug und wurden immerhin dafür bezahlt.

Hier auf dem Boot suchen wir definitiv etwas anderes.

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